Unternehmensnachfolge-Stoermann

Praxisbeispiel: 
Wie gelungene Unternehmens-nachfolge im Mittelstand wirklich entsteht.

Christian Joachim Schult, Juni 2026

Was wir von Stöhrmann lernen können

Manchmal zeigt sich gelungene Unternehmensnachfolge in einem überraschend einfachen Satz.

„Zum Zeitpunkt der offiziellen Übergabe war ich drei Wochen im Urlaub.“

Als Dirk Reetz mir das im Gespräch erzählte, wurde schnell klar: Hier geht es nicht nur um einen formal geregelten Generationswechsel. Sondern um etwas viel Größeres: um Vertrauen, Verantwortung, Rollenwechsel und die Frage, wie Unternehmensnachfolge im Mittelstand wirklich gelingen kann.

Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, Stöhrmann in Lübeck zu besuchen und mit Dirk Reetz sowie seinem Sohn Kristof Reetz über ihren gemeinsamen Übergang zu sprechen. Was daraus entstand, war weit mehr als ein Gespräch über Gesellschaftsanteile oder Übergabeverträge: Es war ein faszinierender Einblick in zwei Generationen gelebter Unternehmensnachfolge. Und zugleich ein sehr praxisnahes Beispiel dafür, warum erfolgreiche Nachfolge lange vor der eigentlichen Übergabe beginnt.
 

Was Stöhrmann macht

Stöhrmann ist ein inhabergeführter Fachhändler und Lösungsanbieter rund um Arbeitsschutz, Persönliche Schutzausrüstung (PSA), Workwear sowie technische Produkte und Betriebsausstattung. Das Unternehmen betreut gewerbliche Kunden unterschiedlichster Branchen mit individuellen Beschaffungs-, Service- und Logistiklösungen. Dabei verbindet Stöhrmann klassische Handelskompetenz mit modernen Prozessen, Digitalisierung und einer klaren Kundenorientierung.

Gerade diese kontinuierliche Weiterentwicklung macht das Unternehmen zu einem spannenden Beispiel für gelungene Unternehmensnachfolge im Familienunternehmen.
 

Vom Konzeptentwickler zum Unternehmer

Beim Rundgang durch das Unternehmen gab mir Dirk Reetz tiefe Einblicke in die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte:
von Sortimenten und Kundenzielgruppen bis hin zu Logistik, Digitalisierung und strategischer Unternehmensentwicklung. Besonders spannend war dabei sein eigener Weg.

Nach Jahren bei Dräger, wo er den Aufbau der ersten Fachhandelskonzepte im Bereich Arbeitsschutz entwickelte und vorantrieb, wechselte er selbst auf die andere Seite: vom Hersteller in den Fachhandel. Und genau dort begann eine Erfahrung, die viele Nachfolgerinnen und Nachfolger kennen: der Unterschied zwischen theoretischen Konzepten und echter unternehmerischer Verantwortung.1999 stieg Dirk Reetz in das bereist 1939 gegründete Unternehmen ein. 2005 wurde das Unternehmen als Stöhrmann GmbH & Co. KG neu aufgestellt - mit Dirk Reetz als Mitgesellschafter. Zehn Jahre später übernahm er auch die verbleibenden Anteile und damit die vollständige unternehmerische Verantwortung.
 

Warum Unternehmensnachfolge mehr ist als eine Übergabe

Im Gespräch wurde schnell deutlich: Unternehmensnachfolge ist nie nur ein juristischer oder finanzieller Vorgang.

Gerade bei familieninternen Nachfolgen geht es immer auch um:

  • Verantwortung,
  • Vertrauen,
  • Identität,
  • Zukunft,
  • Loslassen,
  • Familie,
  • Mitarbeitende
    und die persönliche Frage:
    „Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr Unternehmer bin?“

Dirk Reetz schilderte dabei sehr offen seine eigenen Erfahrungen aus der Zeit des Übergangs mit dem damaligen Alteigentümer.
Gerade die Spannungsfelder zwischen alter und neuer Generation seien prägend gewesen: zwischen bewusstem Loslassen auf der einen Seite und gleichzeitigem Wunsch des bisherigen Eigentümers, das Unternehmen weiterhin mitzugestalten und erfolgreich weiterzuentwickeln.Es waren Jahre des Um- und Aufbaus. Jahre der Prozessgestaltung, der Kundenorientierung und des Wachstums. Und gleichzeitig lief das echte Leben weiter: Familie, Kinder, Alltag, Hausbau und persönliche Verantwortung.

Genau das wird bei Unternehmensnachfolge häufig unterschätzt: Unternehmen entwickeln sich nicht losgelöst vom Leben der Unternehmerfamilien.
 

Die nächste Generation tritt ein

Mitten im Gespräch stieß schließlich sein Sohn Kristof Reetz dazu. Und plötzlich wurde aus der Geschichte eines Nachfolgers selbst die Geschichte des nächsten Generationswechsels. Kristof hatte schon früh immer wieder im Unternehmen mitgearbeitet.
Dennoch stand für ihn lange Zeit überhaupt nicht fest, irgendwann einmal die Nachfolge seines Vaters anzutreten.

Gleichzeitig war es Dirk Reetz wichtig, seinen Kindern maximale Freiheit für ihren eigenen Weg zu lassen. Was das langfristig für die Zukunft des Unternehmens bedeuten würde, begann ihn allerdings bereits vor rund zehn Jahren intensiv zu beschäftigen. Dabei dachte er bewusst in alle Richtungen:

  • familieninterne Unternehmensnachfolge,
  • Verkauf,
  • externe Nachfolge,
  • Teilhaber,
  • interne Lösungen aus dem Unternehmen heraus.

Genau darin liegt einer der entscheidenden Unterschiede zwischen reaktiver und gestalteter Nachfolge: Erfolgreiche Unternehmensnachfolge beginnt nicht erst mit der Suche nach einem Nachfolger. Sondern mit der frühzeitigen Entwicklung von Zukunftsfähigkeit – unternehmerisch wie persönlich.

Für Dirk Reetz stand dabei nie kurzfristige Optimierung im Vordergrund, sondern die langfristige Entwicklung des Unternehmens: strategisch, organisatorisch und kulturell. 

So entstand unter anderem auch das neue, energieeffiziente Firmengebäude an neuer Stelle, das 2019 bezogen wurde und gezielt darauf ausgerichtet ist, Prozesse, Logistik, Energie und Zusammenarbeit effizient und zukunftsfähig zu gestalten.

Nachfolge im Familienunternehmen braucht Entwicklung statt Kopie

Kristof zog es nach ersten Berufsjahren und seinem Bachelor im Maschinenbau zunächst zum weiteren Studium in die USA, von wo er später mit einem Master im Wirtschaftsingenieurwesen zurückkehrte. Mit der Zeit entstand bei ihm offenbar immer stärker nicht nur die Idee, sondern auch die Begeisterung, das Unternehmen seines Vaters weiterzuführen. So stieg er im Jahre 2024 schließlich ins Unternehmen ein, arbeitete sich Schritt für Schritt in sämtliche Bereiche ein und lernte das Geschäft von Grund auf kennen. Die mittlerweile auf rund 25 Mitarbeitende gewachsene Belegschaft spürt dabei sehr genau: Er weiß, wovon er spricht.

Gleichzeitig brachte Kristof früh eigene Impulse ein — insbesondere in den Bereichen Digitalisierung, Prozessoptimierung und moderne Unternehmensentwicklung. Heute ist er nicht mehr nur Teil des Unternehmens — sondern die neue Nummer eins im Haus. Besonders spannend war zu beobachten, wie selbstverständlich sich die Rollen mittlerweile verändert haben: Dirk sitzt zwar noch am Schreibtisch gegenüber, bekommt seine Aufgaben inzwischen jedoch zunehmend von seinem Sohn.

Und genau darin liegt eine große Stärke gelungener Nachfolge: nicht Kopie zu werden, sondern Weiterentwicklung zu ermöglichen. 
 

Loslassen braucht Vertrauen

Vielleicht war genau das einer der stärksten Momente dieses Gesprächs: Zum Zeitpunkt der offiziellen Übergabe war Dirk Reetz gar nicht im Unternehmen — sondern drei Wochen im Urlaub.

„Ich weiß gar nicht, wann ich mir das zuletzt erlaubt habe“, sagte er sinngemäß.

Und gleichzeitig: Es funktionierte.Die Übergabe war vorbereitet, die Verantwortlichkeiten waren geklärt und die Mitarbeitenden regelten die Themen ganz selbstverständlich mit Kristof. Nahtlos. Gerade in Nachfolgeprozessen zeigt sich häufig genau an solchen Momenten, ob Übergang wirklich gelungen ist. Nicht dann, wenn der Übergebende dauerhaft verfügbar bleiben muss — sondern wenn Vertrauen entstanden ist.
 

Was wir daraus über gelungene Unternehmensnachfolge lernen können

Diese Unternehmensnachfolge im Mittelstand zeigt sehr eindrucksvoll: Gelungene Nachfolge beginnt nicht mit Verträgen. Sie beginnt deutlich früher:

  • mit Haltung,
  • mit Verantwortung,
  • mit Vertrauen,
  • mit Entwicklung,
  • und mit rechtzeitigen Gesprächen.

In vielen Nachfolgeprozessen erleben wir genau an diesem Punkt die größten Unterschiede: zwischen reaktiver Übergabe und bewusst gestalteter Zukunft. Denn Nachfolge ist kein einmaliger Akt. Sie ist ein Übergang — zwischen Menschen, Rollen und Generationen.

Genau darin liegt für mich auch die eigentliche Bedeutung einer End-to-End-Begleitung von Nachfolgeprozessen: nicht nur die Übergabe eines Unternehmens zu organisieren, sondern den gesamten Übergang bewusst zu gestalten — strategisch, organisatorisch und menschlich.
 

Sehenswerte Einblicke zur Unternehmensnachfolge

Im Rahmen der Initiative #ÜbernehmenStattNeuGründen gibt auch die IHK zu Lübeck in einem Filmbeitrag spannende Einblicke in die Unternehmensnachfolge bei Stöhrmann:

Filmbeitrag „#ÜbernehmenStattNeuGründen“

Mein Fazit

Viele Nachfolgeprozesse beginnen nicht mit einer Entscheidung — sondern mit ersten Gedanken.

Wer Unternehmensnachfolge im Mittelstand erfolgreich gestalten möchte, sollte deshalb nicht erst beginnen, wenn der Übergabevertrag auf dem Tisch liegt. Sondern deutlich früher. Wenn Sie sich mit der Zukunft Ihres Unternehmens, Ihrer eigenen Rolle oder einer möglichen Unternehmensnachfolge beschäftigen, freue ich mich auf den Austausch.

co-creative ihre
zukunft gestalten.

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